Den Weg in ein eigenständiges Leben gefunden

„Der junge Mann hat zielstrebig jede Chance ergriffen, die sich ihm geboten hat“, lobt Hanaus Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel den Syrer Thaar Ido. Er kam als 16-jähriger Flüchtling ohne Familie in die Brüder-Grimm-Stadt, wo er in Obhutder Stadt Hanau genommen wurde. Jetzt steht er auf eigenen Beinen und hat bei der Central GmbH eine Lehre als Fahrzeuglackierer begonnen.

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Dass es ihn nach Hanau verschlagen hat, war nur der erste von einigen glücklichen Zufällen auf dem Weg in sein neues Zuhause, das er in der Wohngruppe des Albert-Schweitzer-Kinderdorfes seit rund 20 Monaten gefunden hat. Eigentlich wollte der damals 16-jährige Thaaer Ido in die Metropole Frankfurt. Das stand als Ziel auf seinem Zugticket. Das stand auch mit der exakten Zeitangabe auf dem Reiseplan des jugendlichen Flüchtlings aus Syrien. Und so kam es, dass er den Zug verließ, als dieser genau zur passenden Zeit in einem Bahnhof anhielt.

Heute – in Hanau gut angekommen und mit sehr viel besseren Deutschkenntnissen als damals - muss er selbst lächeln, wenn er an den Augenblick zurückdenkt, als ihm vor dem Bahnhofsgebäude allmählich dämmerte, dass er sein Ziel wohl verpasst hatte. Aber damals verunsicherte ihn das wenig großstädtische Ambiente am Hanauer Hauptbahnhof doch sehr. Da war aber der Zug schon weg und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit seiner gestenreich vorgebrachten Bitte um Hilfe und Unterstützung an einen der Hanauer Bundespolizisten zu wenden.

Seither ist eine Menge Zeit vergangen, hat sich viel zum Positiven für ihn gewendet. Das ist ihm nicht in den Schoß gefallen. „Der junge Mann hat zielstrebig jede Chance ergriffen, die sich ihm geboten hat“, unterstreicht Hanaus Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel, dass eine solch bilderbuchmäßige Entwicklung mindestens ebenso viel mit Eigeninitiative wie mit Unterstützung und Förderung zusammenhängt.

Idos Mutter, die mit zwei Schwestern bis heute in einem Lager im syrisch-türkischen Grenzgebiet lebt, hatte ihn mit den Worten „Hier im Lager hast du keine Zukunft“ losgeschickt – auf die ungewisse Reise über Griechenland, Mazedonien und Österreich nach Deutschland. Ein großes Glück war und ist, dass er seine Geburtsurkunde auf der langen Flucht retten konnte. Anders als seine verloren gegangenen Zeugnisse, die ihm einen erfolgreichen Schulabschluss attestieren und damit hier manche Tür öffnen könnten, hat das wichtige Dokument die lange Reise wohlbehalten überstanden und beantwortet die Frage nach Identität und Alter zweifelsfrei.

Letzteres sorgte dafür, dass er nach seiner Ankunft in der Brüder-Grimm-Stadt in Obhut genommen wurde. Die Stadt Hanau als Vormund für den nach Jahren jungen Thaaer sorgte für die Unterbringung in einer Wohngruppe. Seither lebt er dort zusammen mit anderen Jugendlichen und versucht, Fuß zu fassen in der Fremde. Dass die Sprache der wichtigste Schlüssel dazu ist, musste ihm niemand lange erklären. Ido bemüht sich aus eigenem Antrieb mit großem Engagement darum, die Sprache seines Gastlandes möglichst schnell zu lernen. Das war in der Türkei ebenso wie jetzt in Deutschland. Seit Juni 2016 hat er die Anerkennung als Flüchtling. Dieser gültige Aufenthaltstitel gilt für die nächsten drei Jahre und gibt ein bisschen Sicherheit. Eigentlich hätte dieser Status für ihn als minderjährigem Flüchtling auch den Familiennachzug erlaubt, doch die fehlenden Ausweispapiere der Mutter und Schwestern verhindern die Ausreise in der Türkei ebenso wie die Einreise in Deutschland. Jetzt, nach seinem 18. Geburtstag, ist ein Nachzug von Eltern nicht mehr vorgesehen.

Zum Schuljahr 2015/2016 hatte Thaaer Ido einen Platz in einer InteA-Klasse an der Eugen-Kaiser-Schule gefunden. „InteA“ steht für Intensivklasse und will zunächst grundlegende Kenntnisse der deutschen Sprache für den Übergang in die Ausbildungs- und Berufswelt vermitteln. Mit großem Ehrgeiz ging er daran, unter Anleitung seine Deutschkenntnisse auszubauen und zu verbessern. Mit dem Fahrrad erkundete er die Stadt und nähere Umgebung.

Was Schüler im allgemeinen begeistert – viel freie Zeit während der Ferien – erschien dem jungen Mann im vergangenen August eher öde. Beate Heyer, die im Hanauer Jugendamt die Vormundschaft für ihn übernommen hatte, wusste aus den vorangegangenen Gesprächen, dass Ido in Damaskus schon erste Erfahrungen in einer Fahrzeuglackiererei gemacht hatte. Über private Kontakte fand sich schließlich ein Praktikumsplatz in dieser Branche für die zweiwöchigen Herbstferien. Jürgen Voigt, Geschäftsführer der Central GmbH, musste nicht lange überzeugt werden. Er und seine Frau Brigitte haben nach eigenen Worten schon in der Vergangenheit immer wieder auch jenen Jugendlichen eine Chance gegeben, die nicht mit herausragenden Zeugnissen brillieren konnten. „Wir haben schon immer auch danach geschaut, wie lernwillig und offen jemand ist, der bei uns in die Lehre gehen wollte.“

Sowohl in der Hanauer Niederlassung in der Breslauer Straße als auch in Maintal-Bischofsheim bietet das mittelständische Unternehmen von jeher mehrere Ausbildungsplätze an. Dabei war es ein weiterer glücklicher Zufall, dass ausgerechnet im gerade gestarteten Ausbildungsjahr kein Lehrling zum Fahrzeuglackierer bei den beiden beschäftigt ist. „In diesem Jahr hatte es sich irgendwie so ergeben, dass wir uns auf die Ausbildungen zur Kauffrau für Büromanagement, zum Mechatroniker rund zum Karosseriebauer beschränkt hatten“, erzählt der Chef von insgesamt 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Diese Entscheidung sollte sich für Thaaer Ido als besonderer Glücksfall erweisen, denn am Ende des 14-tägigen Praktikums war für die Voigts klar, dass sie den wissbegierigen jungen Mann unter ihre Fittiche nehmen und in den nächsten drei Jahren zum Fahrzeuglackierer ausbilden wollen.

„Wir haben uns mit Frau Heyer als seinem Amtsvormund zusammengesetzt und unsere Pläne besprochen. Dabei war allen klar, dass hier ein durchaus steiniger Weg auf ihn wartet, denn auch wenn die Sprachkenntnisse täglich besser werden, muss Thaaer noch viel Fachwissen und berufsbezogenes Vokabular pauken,“ so Brigitte Voigt. Doch alle drei waren sich schnell einig, dass sich der Einsatz lohnt. An Unterstützung durch die Voigts mangelt es ebenfalls nicht. An zwei Abenden in der Woche besucht der junge Syrier neben dem Job und der Berufsschule nun noch Förderunterricht, der helfen soll, die Lücken zu schließen. Das fordert den jungen Syrier sehr, aber die Fortschritte belohnen das große Engagement. Das sehen auch seine Förderer so. „Es macht auch uns einfach Freude, wenn wir beobachten, wie er seine Fähigkeiten und Fertigkeiten kontinuierlich ausbaut“, so Jürgen Voigt.

An Freizeit bleibt da inzwischen nur wenig, aber das ist dem zielstrebigen jungen Mann, den nach den Telefongesprächen mit Mutter und Schwestern immer wieder großes Heimweh plagt, egal. „Wenn ich jetzt zurückgehen würde, habe ich nichts. Mit einem Beruf kann ich meiner Familie viel besser eine Stütze sein. Mit einer Ausbildung kann ich viel eher dazu beitragen, mein Heimatland wieder aufzubauen.“